Auch wenn die Vermittlung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur als mühsames Geschäft gilt, engagieren sich dafür doch eine ganze Reihe von Institutionen im In- und Ausland mit vielen Ideen und großem Enthusiasmus.
„Schwer vermittelbar“: dieses wenig schmückende Etikett scheint der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur beharrlich anzuhaften. Fragt man Verleger und Agenten in den deutschsprachigen Ländern danach, wie die Vermittlung der zeitgenössischen Literatur ins Ausland läuft, dann lautet die Antwort einhellig: Das ist ein kompliziertes, ein mühsames Geschäft.

 

Hartnäckige Vorurteile und Sprachhindernisse

Die Zahl der Lizenzverträge von deutschen Verlagen mit ihren Partnern im Ausland ist recht überschaubar. Laut Statistik des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels wurden 2009 insgesamt 6.278 Lizenzverträge geschlossen. Davon machte die Belletristik mit 665 Lizenzen nur 10,6 Prozent aus.

Die Gründe dafür, dass die deutschsprachige Literatur kein Exportschlager ist, sind vielfältig. Dazu gehört etwa ein weidlich gehegtes Vorurteil, das in den Köpfen vieler Lektoren und Verleger im Ausland steckt. Jörg Bong, der Programmleiter für deutschsprachige Literatur beim S. Fischer Verlag, beschreibt es so: „Die deutsche Literatur gilt als hermetisch, kompliziert und hochliterarisch – eben nichts für viele Leser.“

Und ein weiteres Problem benennt der Literaturagent Bastian Schlück: „Die große Schwierigkeit ist, dass in den Verlagen kaum einer das deutschsprachige Original lesen kann.“

 

Gebündelte Energien

Auch Verena Nolte weiß aus ihrem unermüdlichen Engagement für Literaturvermittlung um diese Schwierigkeiten. „Auch wenn wir auf eine große literarische Tradition zurückgreifen können: um die deutschsprachige Gegenwartsliteratur im Bewusstsein der anderen Sprachen zu halten, bedarf es einer ständigen Anstrengung“, sagt die langjährige Koordinatorin des Netzwerks der Literaturhäuser.

Dabei engagiert sich eine ganze Reihe von Institutionen, Informationszentren und Netzwerken weltweit für die Vermittlung der deutschsprachigen Literatur. Viele von ihnen arbeiten eng zusammen, um ihre Kräfte zu bündeln. Dazu gehören das Goethe-Institut, die Buchinformationszentren und German Book Offices der Frankfurter Buchmesse, das Literarische Colloquium Berlin, die Literaturwerkstatt Berlin, das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen, die Robert Bosch Stiftung und das Netzwerk der Literaturhäuser.

 

Dialogischer Austausch

Allen Vermittlungsbemühungen ist das Ziel gemeinsam, die zeitgenössische deutsche Gegenwartsliteratur im Ausland ins Gespräch zu bringen. Dabei geht es weniger um die konkrete Werbung für einzelne Bücher, als vielmehr um einen Austausch im Dialog.

Gute Beispiele dafür sind etwa die bilateralen Stadtschreiberprojekte, die das Goethe-Institut in den letzten Jahren in Kooperation mit dem Netzwerk der Literaturhäuser sowie ausländischen Partnern durchgeführt hat. So konnten etwa im Jahr 2008 im Projekt YakınBakış acht Schriftsteller aus dem deutschsprachigen Raum und acht Schriftsteller aus der Türkei für vier Wochen in die Gesellschaft des jeweils anderen Landes eintauchen. Die Erlebnisse und Erfahrungen der Stadtschreiber wurden in Internet-Tagebüchern sowie in Tageszeitungen veröffentlicht.

Im Projekt Verlagsmetropolen, das seit 2002 vom Literarischen Colloquium Berlin in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut durchgeführt wird, reisen fünf bis sechs junge deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller für ein paar Tage gemeinsam in eine Verlagsmetropole. Dort haben sie vielfältige Gelegenheiten, sich und ihre Texte zu präsentieren – in der Hoffnung, so Verleger und Übersetzer vor Ort von ihrer Arbeit überzeugen zu können.

 

Aufbau und Pflege von Netzwerken

Im Fokus vieler Projekte steht der Aufbau von Netzwerken. Innerhalb Europas arbeitet das Literarische Colloquium Berlin gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung und der polnischen Stiftung Borderland im Projekt HALMA daran, die wichtigsten literarischen Zentren Europas in einem Netzwerk zu vereinen. Mittlerweile gehören 26 Literaturinstitutionen aus 21 Ländern dieser Plattform für den Austausch von Schriftstellern, Übersetzern und Literaturvermittlern an.

Den Netzwerkgedanken verfolgen auch die deutschen Buchinformationszentren und German Book Offices der Frankfurter Buchmesse, die es in Peking, Neu Delhi, Moskau, Bukarest und New York gibt. Seit Jahren gehören Kontaktreisen für Lektoren zu den Erfolg versprechenden Instrumenten dieser Auslandsbüros, die vom Auswärtigen Amt unterstützt werden. Dabei werden Lektoren zu einer Deutschlandreise eingeladen, um Verlage zu besuchen, internationale Literaturinitiativen kennenzulernen und zahlreiche neue Kontakte in die deutsche Buch- und Verlagsszene zu knüpfen.

 

Übersetzungs- und Übersetzerförderung

Als ganz wichtige Maßnahme gilt die Förderung von Übersetzungen. Im Zentrum steht hier das Programm des Goethe-Instituts Übersetzungen deutscher Bücher in eine Fremdsprache, in dessen Rahmen in den letzten 35 Jahren die Veröffentlichung von circa 5.000 Büchern in 45 Sprachen finanziell unterstützt wurde. Flankiert wird dieses Programm von dem regionalen Übersetzungsförderungsprogramm Litrix.de, einem Online-Magazin mit Auszügen aus wichtigen Neuerscheinungen, Probeübersetzungen und aktuellen Informationen zum deutschen Buchmarkt.

Daneben gibt es etliche Angebote und Programme, mit denen die Übersetzer selbst gefördert werden. Das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen ist nicht nur das weltweit größte Arbeitszentrum für Literaturübersetzer, es vergibt auch Preise und organisiert Seminare und Fortbildungen für Übersetzer. Zudem engagieren sich unter anderem das Literarische Colloquium Berlin und die Robert Bosch Stiftung für die Vernetzung, Fortbildung und Förderung von Übersetzern.

 

Langfristiges Engagement für Nachhaltigkeit

Einhellige Meinung der engagierten und erfahrenen Vermittler ist, dass man bei der Werbung für die deutschsprachige Literatur im Ausland einen langen Atem braucht. So beschreibt es Maja Pflüger, die bei der Robert Bosch Stiftung für den Bereich Literatur und Übersetzungsförderung zuständig ist: „Vieles spricht gegen einmalige Events. Wer im Sinne der Völkerverständigung nachhaltig wirken will, braucht nicht nur zündende Ideen, sondern muss einfach länger dabei bleiben.“

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

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Juni 2011