Das Verlegerforum Lwiw fand 1994 zum ersten Mal statt und war von Anfang an als vollständige Universalbuchmesse mit drei Bestandteilen konzipiert: Buchvertrieb, Diskussionen für Fachbesucher sowie Literaturveranstaltungen für das breite Publikum.

 

Im ersten und zweiten Jahr wurde die Messe im Nationalmuseum abgehalten und präsentierte die ersten beiden Teile: Diskussionen für Fachbesucher und den Buchvertrieb. Angesichts der geringen Ausstellerzahl (etwa 50) und der von ihnen präsentierten Verlagsprogramme sowie der niedrigen Besucherzahl (etwa 3000) war der Vertrieb relativ begrenzt. Im Gegensatz dazu waren die Diskussionen über die wesentlichen Schwierigkeiten des ukrainischen Buchmarktes, der gerade im Begriff war zu entstehen, vielseitig,  intensiv und produktiv. Die Leiter der größten polnischen Verlage und Vertriebsfirmen waren eingeladen worden, um über ihre Erfahrungen im Verlagsgeschäft und in der Öffentlichkeitsarbeit zu sprechen, Lobbyarbeit und Promotion vorzustellen und in das Urheberrecht einzuführen. Das Verlegerforum Lwiw erfuhr von Anfang an große Resonanz in den Medien, und  bereits mit der ersten Messe wurde deutlich, dass die Veranstaltung wachsen würde.

 

An der Geschichte des Verlegerforums lässt sich die Entwicklung des ukrainischen Buchmarktes ablesen. Alles, was während der Messetage passiert, ist in der einen oder anderen Weise ein Abbild für die Verlagsbranche in der Ukraine.

 

Die Fachdiskussionen waren bis zum Ende der 1990er Jahre ein sehr wichtiger Bestandteil der Buchmesse. Obwohl die Diskussionsthemen aktuell und vielseitig blieben und die eingeladenen Referenten ausgewiesene Experten auf ihrem Gebiet waren, kamen dann immer weniger Verleger zu den Veranstaltungen, da sie nunmehr während der gesamten Messedauer an ihrem Stand eingebunden waren. Die Verleger teilten mit, dass sie im Verlauf von drei Messetagen an ihren Ständen mehr Bücher verkauft hätten als in der gesamten Ukraine in einem Jahr. Und obwohl diese Tatsache eher davon zeugt, dass die Verlage in ihrer Arbeit den regionalen Vertrieb im Land vernachlässigten und ein funktionierendes Distributionsnetz fehlte, führte diese Tatsache zur Festigung des Mythos, man könne auf der Buchmesse in Lemberg in drei Tagen eine ganze Auflage verkaufen. Zu diesem Zeitpunkt war die Messe bereits gut bekannt, und die Besucherzahlen stiegen ständig. Die Verleger begannen, Neuerscheinungen auf der Messe vorzustellen.

 

1997 gab es auf der Messe zum ersten Mal ein literarisches Programm: Autoren lasen Auszüge aus ihren neuen Büchern, die Verleger von Belletristik stellten fest, dass das die Verkaufszahlen positiv beeinflusste, und luden ihre Autorinnen und Autoren auf die Buchmesse ein.

 

Im Jahr 1999 fanden zum ersten Mal literarische Veranstaltungen statt, die nicht von den Verlagen organisiert worden waren: die Nacht der Lyrik und Musik und das Festival InScriptis. Sie waren der Anfang des späteren Literaturfestivals.

 

Zwischen 1998 und 2000 stiegen die Ausstellerzahlen stark an und hatten sich im Vergleich zu 1994 bis zum Jahr 2001 praktisch vervierfacht. Der gesamte Buchverkauf musste nun aus dem Gebäude hinaus auf die Straße verlegt werden.

 

Noch stärker wuchsen die Besucherzahlen, so dass es 2002 erforderlich wurde, den Einlass auf die Messe für mehrere Stunden zu sperren, da das Gelände vollkommen überfüllt war. Mit demselben Ziel – der Beschränkung der Teilnehmerzahl und dem geordneten Einlass der Besucher – führte die Leitung des Palastes der Künste, in dem die Messe seit 1996 stattfand – eine Eintrittsgebühr ein, die seitdem umstritten ist, die Besucherzahlen aber in keiner Weise beeinflusst hat.

 

Die Zahl der Veranstaltungen nahm stark zu. Sie wurden nun nicht mehr ausschließlich im Palast der Künste, sondern auch im Kurbas-Theater, im Café Ljalka, im Ethnografischen Museum und in der Iwan-Franko-Universität durchgeführt.

 

2006 entschloss man sich, die Literaturveranstaltungen aus dem Messeprogramm auszugliedern. Das war zugleich die Geburtsstunde des Internationalen Literaturfestivals Lwiw, das heute zu einem der interessantesten Festivals in Osteuropa geworden ist. 2011 fanden während des Literaturfestivals mehr als 300 Veranstaltungen mit mehr als 160 ukrainischen und 80 ausländischen Autorinnen und Autoren aus 25 Ländern statt.

 

Die Durchführung einer derart umfangreichen und vielseitigen Veranstaltung, zu der das Verlegerforum Lwiw geworden ist, in einem so beengten und nicht dafür konzipierten Gebäude ruft berechtigterweise die Kritik von Ausstellern und Besuchern hervor und bringt organisatorische Probleme mit sich. Das Hauptproblem ist die Finanzierung. Denn das Verlegerforum Lwiw wird von einem gemeinnützigen Verein durchgeführt. Die Eintrittsgelder werden anteilig für die Finanzierung des Literaturfestivals, die jährliche Ausschreibung und Prämierung des „Schönsten Buches des Verlegerforums Lwiw“ sowie Projekte zur Leseförderung verwendet. Da aber die Räumlichkeiten begrenzt sind, können die Ausstellerzahlen seit 2005 nicht mehr wachsen. Die Finanzierung aus dem kommunalen Haushalt, die in den Jahren 2006 bis 2009 ausreichend war, wurde in den vergangenen beiden Jahren um 75% gekürzt, 2012 werden wegen der Austragung der Fußballeuropameisterschaft weitere Kürzungen folgen.

 

Aufgrund der unzureichenden Infrastruktur in Lemberg, insbesondere wegen fehlende Hotelzimmer in der Economy class ist eine Zunahme von auswärtigen Besuchern kaum zu erwarten.

 

Die genannten Probleme sind für uns Herausforderungen, die wir in Angriff nehmen müssen. Derzeit suchen wir Antworten auf folgende Fragen:

 

 

  • Was erwarten sich die Verleger von ihrer Messebeteiligung? Reicht ihnen der Verkauf von Büchern wirklich aus, wie sie wiederholt betonen? Warum machen sie keinen Gebrauch von den verschiedenen funktionierenden Marketingmöglichkeiten und –instrumenten, die die Messe ihnen bietet, und bemessen den Erfolg nur an der Höhe der in den vier Messetagen erzielten Geldeinnahmen?
  • Wie lassen sich die Teilnehmer für die Fachdiskussionen interessieren, insbesondere für die Resümees der vorangegangenen Periode und die vorgestellten Entwicklungstrends?
  • Wie lassen sich ausländische Verleger für eine Messebeteiligung gewinnen, wenn den ukrainischen Verlegern de facto das Interesse an internationalen Kontakten fehlt?
  • Wie lässt sich eine gemeinsame Plattform für Verleger, Bibliothekare und Leser gründen?
  • Wie kann das Publikum mit mehr Informationen über die Veranstaltungen auf der Buchmesse versorgt und wie können die Besucherzahlen des Literaturfestivals gesteigert werden?
  • Sollen Studierende angesprochen werden?
  • Was wird aus den Buchmessen, wenn die Zahl der gedruckten Bücher sinkt?
  • Wie lange wird es noch gedruckte Bücher geben?

 

Bislang haben wir noch keine Antwort auf diese Fragen. Aber gemeinsam mit unseren Freunden und Kollegen – den Autoren, Übersetzern, Bibliothekaren, Verlegern und Buchhändlern –, den langjährigen Teilnehmern und Besuchern unserer Messe, werden wir sie gewiss finden.

 

Ausführliche Informationen zum Verlegerforum Lwiw, zur  Tätigkeit des Vereins und der Veranstaltungskalender für 2012 sind unter der Adresse www.bookforum.ua abzurufen.

 

Information:

 

Internationales Verlegerforum Lwiw – wird jährlich durchgeführt, durch eine Verfügung des ukrainischen Präsidenten seit 1994 Status einer Veranstaltung von Nationaler Bedeutung. Von 1994 bis 2011 über 700.000 Besucher, mehr als 2.500 Veranstaltungen, über 5.000 Beiträge in den Medien (ohne soziale Netzwerke). Die wichtigsten Veranstaltungen sind: Die Buchmesse (seit 1994), Wettbewerb und Prämierung „Bestes Buch des Verlegerforums“ (seit 1995); Fachforum (seit 2007), Bestandteil sind Entwicklungen im Verlagswesen: Situation, Probleme und Entwicklungsperspektiven der Branche, Urheberrecht im Verlagswesen, die ukrainische Buchproduktion während der Krise u.a.; Bibliotheksforum (seit 2010), das wichtigste Ziel ist die Entwicklung der Bibliotheken und ihre Umgestaltung zu Kultur- und Informationszentren.

 

Internationales Literaturfestival Lwiw – wird seit 1999 jährlich durchgeführt, seit 2001 mit ausländischer Beteiligung, seit 2006 als großes internationales Literaturfestival mit einem eigenen Programm als Bestandteil des Verlegerforums Lwiw. Größtes internationales Literaturfestival in der Ukraine, eines der größten und bekanntesten in Ostmittel- und Osteuropa. Es nehmen Autoren, Künstler, Kulturschaffende, Wissenschaftler, Journalisten, Übersetzer, Literatur- und Kunstkritiker aus der Ukraine und aus dem Ausland, bedeutende Vertreter der jeweiligen Länder, teil. Zwischen 2006 und 2011 kamen 454 Autoren aus der Ukraine und 30 Autoren aus dem Ausland nach Lemberg.

 

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe