Im literarischen Übersetzen haben wir es in der Regel mit zwei Problemfeldern zu tun, die auf den ersten Blick scheinbar nichts miteinander zu tun haben: die künstlerisch-reflexive und die berufspolitische Ebene. Auf der künstlerisch-reflexiven Ebene stehen die Auseinandersetzung um die Rolle des literarischen Übersetzers, die Herausforderungen durch das Original, das Niveau und die Qualität der Übersetzungskritik im Mittelpunkt. Der zweite Problemkreis betrifft die Bezahlung von Übersetzungen, die Arbeitsbedingungen für Übersetzer und die Zusammenarbeit mit den Verlagen, die Einflussmöglichkeiten auf die Struktur der Buchproduktion und des Literaturbetriebs im Land. Die erwähnten Fragestellungen sind nicht auf bestimmte geografische Gebiete beschränkt, sondern überall dort aktuell, wo Bücher übersetzt werden. Die Ausprägung und der Umgang mit den genannten Problemen unterscheiden sich allerdings von Land zu Land. In der Ukraine werden dazu Rundtischgespräche, Diskussionen und Übersetzertreffen abgehalten, es wird darüber geschrieben. Daran lässt sich erkennen, dass eine erste Auseinandersetzung mit der Situation stattgefunden hat, wodurch Anhaltspunkte für zukünftige Maßnahmen entstanden sind, die nun umgesetzt werden können.

 

Die im ersten Absatz genannten Schwierigkeiten im literarischen Übersetzen lassen sich nicht losgelöst voneinander betrachten. In der Übersetzergilde bilden die literarischen Übersetzer eine eigene Gruppe mit spezifischen Aufgaben, die sich nicht auf die reine Übertragung von Texten beschränken, sondern auch viel mit Kultur und Vermittlung sowie Koautorschaft zu tun haben. Diese berufliche Besonderheit soll aber keineswegs die literarische Übersetzung als etwas Elitäres herausstellen oder das Berufsbild gar in die Nähe eines von der Inspiration lebenden, frei von materiellen Fragen agierenden Schöpfers/Schöpferin rücken. Die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen, aber auch die Infrastruktur des Verlagswesens determinieren einen unmittelbaren kulturellen Kontext, in dem ein Buch entsteht und verortet wird. Und die literarischen Übersetzer sollten sich ihrer Mitverantwortung für diesen Kontext bewusst sein und daraus resultierend nicht nur Übersetzungsstrategien, sondern auch ihre unzumutbaren Arbeitsbedingungen thematisieren. Literarische Übersetzerinnen und Übersetzer gehören zum Prekariat, sie üben ihre Tätigkeit nicht in einem regulären Arbeitsverhältnis aus, sie haben keinerlei soziale Absicherung, für ihre Tätigkeit gibt es keine festgelegten und akzeptierten Regeln, es herrscht Konkurrenz. All diese Faktoren wirken sich auf die Bezahlung aus.

 

Die Arbeitsbedingungen hängen unmittelbar mit der allgemeinen ökonomischen Lage der Verlagsbranche zusammen. Diese Lage wird nicht unwesentlich von den Kommunikationslücken determiniert, die zum Beispiel zwischen Buchhändlern und Verlegern, zwischen diesen beiden und den Lesern, häufig zwischen Übersetzern und Verlegern und nicht zuletzt auch zwischen diesen und den finanziellen Förderern bestehen. Die Folge davon ist, dass ein Buch nicht das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit und Verantwortung ist und seinen Adressaten nicht erreicht. Die mangelhafte Kommunikation und ökonomische Interaktion, zu denen unter anderem die fehlende Buchpreisbindung, die erschwerte Distribution der Bücher, die fehlende Präsentation von Büchern in der Öffentlichkeit als intellektuelles Medium, nicht ermittelbare, vage Auflagezahlen gehören, wirken sich unmittelbar auf die Situation der Übersetzerinnen und Übersetzer aus. Sie sind das schwächste Glied in der Kette, und sie sind es, die die materiellen Verluste von veröffentlichten Büchern kompensieren müssen, die aufgrund der fehlenden gemeinsamen Buchproduktions- und –vermarktungsstrategie nicht beim Leser ankommen.

 

Ein signifikantes Beispiel hierfür ist die finanzielle Förderung von Übersetzungen. Die Unfähigkeit eines Verlages, die gesamte Auflage zu verkaufen, bedeutet für die Übersetzung: die finanzielle Förderung der Übersetzung wird dazu verwendet, die Unkosten des Verlages zu decken, die Verlage beauftragen Studierende mit der Übersetzung, um Kosten zu sparen, und verringern die Auflagenhöhe. Wäre es da nicht sinnvoller, die finanzielle Förderung direkt an den Übersetzer zu geben, ohne die Vermittlung der Verlage? Warum kann man die Verlage nicht dazu bewegen, den Druck der gesamten Auflage nachzuweisen? Sollte man nicht die Durchführung und Bezahlung des Lektorats kontrollieren? Diese Forderungen müssen die Übersetzerinnen und Übersetzer an die Verleger und Förderer herantragen.

 

Allerdings ist es eher unwahrscheinlich, dass ein einzelner emsiger Übersetzungskünstler sich an den entsprechenden Stellen Gehör verschaffen kann, schlimmer noch, er wird vergeblich auf eine Reaktion warten. Daher braucht es eine gemeinsame Stimme, die von einem kollektiven Subjekt vorgetragen wird, das für die Qualität der Bücher und für die gegenseitige Unterstützung der Übersetzerkollegen die Verantwortung übernimmt. Die Ukraine benötigt heute dringend eine Vereinigung, die einerseits als Gewerkschaft der heterogenen Berufsgruppe ohne einheitlichen Arbeitgeber auftritt und sich für die arbeitsrechtlichen Regelungen der Übersetzer einsetzt, juristischen Beistand geben, Arbeitsstandards für Übersetzer und Arbeitgeber formulieren und die Übersetzerinnen und Übersetzer als Berufsgruppe konsolidieren kann. Darüber hinaus fehlt den Übersetzern auch eine Plattform, die die Professionalisierung und den intellektuellen Austausch unter Übersetzern fördert, sich aber auch als Initiator und Koordinator der Kommunikation zwischen den verschiedenen, im Literaturbetrieb involvierten Akteuren versteht. Eine solche Plattform würde die Qualität der Übersetzungskritik und damit zugleich die Literaturkritik verbessern.

 

Politisch ausgedrückt brauchen wir als Übersetzerinnen und Übersetzer eine berufsgruppenbezogene und symbolische Lobby, die unter anderem dem Honorardumping  entgegentritt und die obligatorische Nennung des Übersetzers in Buchrezensionen, Annotationen sowie bei öffentlichen Präsentationen und Lesungen durchsetzt.

 

Ein wachsendes Bewusstsein für den eigenen Berufsstand unter der Übersetzerschaft wird zweifelsfrei zu besseren Standards und höheren Anforderungen an die Qualität der Übersetzung und an Bücher im Allgemeinen führen. Wenn die Übersetzerinnen und Übersetzern die ihnen aufgebürdete ökonomische Last der unprofitablen Buchproduktion abwerfen können, könnte daraus ein Impuls für die Verlage entstehen, die sich dann um mögliche Formen der Buchpreisbindung kümmern, ihre Vermarktungsstrategien überdenken und das Design ihrer Bücher verbessern müssen.

 

Deswegen sollte aus der derzeitigen Übersetzergemeinschaft ein Übersetzerverband werden, eine aktive, handelnde Vereinigung, die sich die gegenseitige Unterstützung, den Erfahrungsaustausch und die gemeinsame Präsentation des literarischen Übersetzens in unserer Kultur sowie eine aktive Anteilnahme am gesellschaftlichen Leben in der Ukraine zur Aufgabe macht. Und last but not least sollten die Übersetzerinnen und Übersetzer sich einer Rhetorik bedienen, die ihre Ausbeutung und den Kampf gegen diese Ausbeutung klar beim Namen nennt, wenngleich das Vokabular ein Überbleibsel einer unrühmlichen Epoche ist, ist es hier doch geeignet, die Zustände treffend zu bezeichnen.

 

Kateryna Mischtschenko

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe