Heute wissen nicht mehr alle Leser ukrainischer Bücher, dass während der Sowjetzeit der bei weitem größte Anteil an sozial- und geisteswissenschaftlicher Literatur ausschließlich in der lingua franca der Völker der Sowjetunion erscheinen konnte. Diese Lektüre dieser Bücher musste geweiht werden durch eine Sprache, die sich ideologisch bewährt hat. Da sich die Ukrainer im Laufe ihrer Geschichte hinsichtlich der Russifizierungspolitik wiederholt als unzuverlässig erwiesen hatten, kam das Ukrainische selbstverständlich nicht in Frage. Als sich jedoch unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er einige Verlage fanden, die die Lücken in der nationalen intellektuellen Lektüre der Ukraine füllen wollten, zeigte sich schnell, dass man von null würde beginnen müssen. Denn die philosophischen und gesellschaftspolitischen Standardwerke, die in den meisten osteuropäischen Ländern herausgegeben wurden, waren nicht ins Ukrainische übersetzt.

 

Das war der Grund, warum die Renaissance Foundation in der Ukraine sich 1998 am Netzwerkprogramm CEU Translation Project beteiligte, das nicht nur eine Förderung von inländischen Publikationen, sondern auch von Übersetzungsprojekten und die Herausgabe von Arbeiten bedeutender ausländischer Autoren vorsah. Das Ziel des Programms bestand darin, solche geisteswissenschaftlichen Publikationen zu fördern, die das kritische Denken entwickeln, das interkulturelle Verstehen voranbringen und das Verlagswesen in der Ukraine unterstützen. Die Förderung erfolgte gemeinsam mit den Verlagen nach dem Paritätsprinzip. Die Heranführung der ukrainischen Leserschaft an diese Literatur fand breite gesellschaftliche Beachtung und wurde von den Fachleuten der Verlagsbranche positiv bewertet. Es wurden spezielle Bildungsprogramme für Verleger initiiert, um diese in die Arbeitsweise ausländischer Verlage einzuführen. Fachleute des Open Society Institute und der Frankfurter Buchmesse führten hierzu mehrere Seminare durch. Es wurde ein Katalog Books in print veröffentlicht – zu dieser Zeit der einzige dieser Art –, der vor dem Erscheinen stehende Publikationen vorstellte.

 

Als Nachfolgeprogramm des Translation Project startete 2003 das Programm Soziales Kapital und Wissenschaftliche Publikationen. Die Grundlinien des Vorgängerprojekts wurden übernommen: die Herausgabe von ausländischen Klassikern und Gegenwartsautoren, die die Entwicklung in den Sozial- und Geisteswissenschaften maßgeblich beeinflusst hatten, die die Werte der demokratischen Gesellschaft vertreten, die Terminologie erweitern, wovon die Bürger in den neuen Demokratien profitieren konnten; die Entstehung eines starken, vielseitigen und unabhängigen Verlagswesens als notwendige Institution in einer Zivilgesellschaft; die Herausbildung einer akademischen Übersetzerschule; die Transformation des wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurses in der Ukraine.

 

Ende 2003 initiierten die Soros-Stiftung und das Goethe-Institut Kiew ein gemeinsames Programm zur Übersetzung deutschsprachiger Literatur ins Ukrainische, geplant war die jährliche Förderung von 20 bis 30 ukrainischen Ausgaben von Werken aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Belletristik und Kinderliteratur. 2004 gab es zwei Unterprogramme, zum einen die Ausschreibung für Übersetzungen deutscher Literatur ins Ukrainische und die Ausschreibung für Fachübersetzungen mit dem Thema europäische Integration, Rechtsstaatlichkeit und Sozialökonomie, außerdem gab es eine Ausschreibung für einzelne Buchtitel. Von 114 eingereichten Projekten wurden 25 gefördert.

 

Im Jahr 2005 verfügte das Übersetzungsförderungsprogramm der Renaissance Foundation und des Goethe-Instituts das dritte Jahr in Folge über ein Budget von 90.000 €. Die Hälfte der Summe wurde vom Auswärtigen Amt eingebracht, die andere Hälfte von der Renaissance Foundation. In dem Jahr wurden 29 Bücher in zwei Unterprogrammen gefördert: Übersetzungen deutscher Literatur ins Ukrainische und Übersetzungen deutscher wissenschaftlicher Werke aus dem Bereich Medienwissenschaften, Informationsgesellschaft und Globalisierung. Gefördert wurde außerdem die Übersetzung von deutscher Kinderliteratur ins Ukrainische.

 

2006 organisierten die Friedrich-Naumann-Stiftung und die Soros-Stiftung zwei internationale Seminare für Bibliothekare, Wissenschaftler, Bildungsmanager und Journalisten. Am 28. September fand das Seminar Open Access: Information, Wissenschaftskommunikation, Kultur statt, am 13. November das Seminar Open Access für die Wissenschaft: neue Möglichkeiten dank Internet. Teil 2: Urheberrecht unter den Bedingungen von Open Access.

 

In dem gemeinsamen Unterprogramm Übersetzungen deutscher Literatur ins Ukrainische wurden 2007 19 Projekte gefördert. Einen weiteren Schwerpunkt in der Förderung bildete die Kompetenzerweiterung für Übersetzer. So wurden in Kooperation mit der von der Renaissance Foundation geförderten Werkstatt für wissenschaftliche Übersetzung und dem Goethe-Institut Seminare für Nachwuchsübersetzer durchgeführt, neue Lehr- und Mentorenprogramme für Übersetzer aufgelegt und neue Informations- und Nachschlagemedien zum Übersetzen gefördert. Die Seminarteilnehmer initiierten die Erarbeitung eines Programms für kommende Seminare und den Aufbau eines auf Austausch ausgerichteten Informationssystems. Um diese Vorschläge umzusetzen, wurde das Webseitenprojekt Prostory unterstützt, das sich der literarischen Übersetzung, der Literatur- und Kunstkritik widmet (http://prostory.net.ua). Innerhalb eines Jahres fanden 10 Werkstatttreffen statt: drei Terminologiewerkstätten und sieben Übersetzungsworkshops. Die in den Seminaren erarbeiteten Materialien bildeten die Grundlage für das elektronische Deutsch-ukrainische geisteswissenschaftliche Wörterbuch.

 

Gemeinsam mit dem Goethe-Institut in der Ukraine, dem Literarischen Colloquium Berlin, der Stiftung Brandenburger Tor, unterstützt von der Deutschen Botschaft in der Ukraine und dem Auswärtigen Amt, wurde 2007 das Projekt Verlagsmetropole Kiew durchgeführt[1]. Ukrainische Übersetzer, Verleger und Journalisten hatten die Gelegenheit, mit Mitarbeitern des Literarischen Colloquiums Berlin und Autorinnen und Autoren über die aktuelle Situation der Literatur und die gegenwärtigen Tendenzen im deutschen Literaturbetrieb ins Gespräch zu kommen.

 

2008 wählte das gemeinsame Expertengremium 17 Übersetzungspojekte zur Förderung aus. Die Werkstatt für wissenschaftliche Übersetzung widmete sich 2008 der Erarbeitung eines Deutsch-Ukrainischen Wörterbuchs der Philosophie und Geisteswissenschaften. In der ersten Phase wurden zwei Terminologieseminare durchgeführt, deren Ergebnisse die Grundlage für das spätere Wörterbuch bildeten. Im November 2008 fand das Seminar Terminologie der Rechts- und Moralphilosophie statt, im Dezember das Seminar Terminologie der Theologie und Religionswissenschaft.

Im Verlauf dieses Jahres fanden – initiiert und unterstützt durch das Programm – zahlreiche für die Verlagsbranche wichtige Veranstaltungen statt, unter anderem Seminare, Präsentationen und Treffen. Während der Präsentation des Buches Das Interview von Michael Haller durch den Verlag Akademia Ukrajinskoji Presy (Akademie der ukrainischen Presse) wurden die gemeinsamen Übersetzungsförderungsaktivitäten des Goethe-Instituts und der Renaissance Foundation vorgestellt. An der Veranstaltung waren auch ukrainischen Verleger und Mitarbeiter der Deutschen Botschaft beteiligt. Im Dezember wurde in der Journalistenschule der Mohyla-Akademie Gerd Strohmeiers Buch Politik und Massenmedien vorgestellt, das vom Verlagshaus Mohyla-Akademie Kiew mit Förderung durch Renaissance-Stiftung publiziert worden ist. Die Präsentation regte zu einer aktiven Diskussion um die Rolle der Massenmedien im gegenwärtigen gesellschaftlichen Leben an. Im Jahr 2009 konnte das Expertengremium 19 Übersetzungsprojekte aus dem Deutschen ins Ukrainische fördern.

 

Die Gesamtergebnisse der Förderung sozial- und geisteswissenschaftlicher Literatur sind in unserem elektronischen Archiv unter der Adresse http://books.irf.kiev.ua einzusehen, einen nicht geringen Teil bilden Übersetzungen aus dem Deutschen.

Taras Lutyj

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

 

 



[1] Lutyj schreibt hier „Verlagsmetropole Kiew-Lwiw, aber das LCB hat das Projekt nur als „Verlagsmetropole Kiew aufgeführt, deswegen würde ich das hier so lassen.