Der folgende Beitrag geht auf das literarische Übersetzen in das Ukrainische ein und will dabei insbesondere die historische und gegenwärtige sprachpolitische Situation in der Ukraine berücksichtigen.

 

Spracherweiterung beim Übersetzen

Bereits aus der Übersetzungsgeschichte wissen wir, dass in verschiedenen Epochen, etwa in Frankreich im 17. und 18. Jahrhundert, aber auch im 18. Jahrhundert in Russland übersetzt wurde, um nicht nur dem zielsprachlichen Leser neue literarische Werke zugänglich zu machen, sondern auch um die Zielsprache in ihrem Bestand zu erweitern. Dieses Ziel setzen sich viele ukrainische Übersetzer in der Gegenwart, weil das Ukrainische durch die viele Jahrzehnte währende Unterdrückung und Beschränkung in seinem Einsatzgebieten zu verkümmern droht. Dabei hebt sich die gegenwärtige Generation der ukrainischen Übersetzer von der Generation ab, die in den 1960er bis 1990er Jahren übersetzt hat. Diese Generation der ukrainischen Übersetzer hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Ukrainische in den Zeiten der sowjetischen Unterdrückung zu erhalten. Sie orientierten sich daher stark an den Normen der ukrainischen Schriftsprache der 1920er Jahre. Die gegenwärtige Generation der Übersetzer versucht, die Sprache biegsamer und durchlässiger für neue Einflüsse zu machen. Die Literaturkritik begrüßt diese Versuche nur bedingt. So musste sich Strongowski für seine Übersetzungen vorwerfen lassen, er hätte die ukrainische Sprache ruiniert, weil er versuchte, Slang aus dem Englischen mit ähnlichen Regelverstößen im Ukrainischen wiederzugeben.

Obwohl es ukrainische Autoren wie Olexandr Irvanec’ oder Serhij Zhadan gibt, die mit Suržyk in ihren Texten arbeiten, wird die Verwendung der als nicht normgerecht empfundenen Mischsprache in Übersetzungen von Lektoren häufig nicht als stilistisches Mittel akzeptiert. Daran sieht man, dass die ukrainischen Lektoren den Übersetzern in Bezug auf die stilistischen Freiheiten weniger Freiraum  lassen als den Autoren und von Übersetzern normativ orientierte Texte erwarten. Die Unerwünschtheit des Suržyk ist nur ein Beispiel für die stark normative Orientierung der Lektoren in ukrainischen Verlagen. Sie richten ihr Augenmerk nicht auf die wünschenswerte Ausweitung des Sprachgebrauchs, zu dem Übersetzungen beitragen können, sondern kämpfen einen sturen Kampf, die Übersetzungen an die Normen der Schriftsprache anzupassen, ohne darauf zu achten, welche Merkmale der Originaltext aufweist. Besonders eklatant ist der Einfluss des Lektorats in der Lyrikübersetzung. Die Lektoren haben sehr wenig Erfahrung in der Rezeption fremdsprachiger Lyrik und versuchen daher, die Übersetzungen in der Redigierungsphase unbedingt an die Traditionen, die die ukrainische Lyrik aufweist anzupassen. Das bedeutet aber, dass neue Tendenzen, die durch die Übersetzung fremdsprachiger Lyrik in den ukrainischen Sprach- und Literaturkosmos eingebracht werden könnten, gar keine Chance haben, weil dem Übersetzer nicht vertraut wird. So war es zum Beispiel bei der Übersetzung von Gedichten von Durs Grünbein, in die der Verlag bezüglich der Gestaltung so stark eingreifen wollte, dass die Übersetzerin Chrystyna Nazakevyč von einer Publikation der Übersetzung Abstand genommen hat.

 

Die Konkurrenz zum Russischen

Die russische Sprache war in der Zeit des Russischen Reiches und während der Sowjetzeit die Hegemonialsprache, die in unterschiedlicher Intensität mit politischen Mitteln als Lingua franca durchgesetzt wurde. Das hatte zur Folge, dass kleinere Sprachen wie das Ukrainische in geringerem Umfang gesprochen wurden und auch in einer kleineren Anzahl von Lebensbereichen eingesetzt wurden. Obwohl heute das Ukrainische die einzige Staatssprache der Ukraine ist, bleibt der große Einfluss der russischen Sprache auf viele Lebenssphären bestehen. Auf dem Buchmarkt sehen wir uns der Situation gegenüber, dass sehr viele fremdsprachige belletristische Werke, aber auch Sachbücher schnell ins Russische übersetzt werden und damit für die Leser in der Ukraine zugänglich sind. Sie werden dann auf Russisch gelesen, so dass die ukrainische Übersetzung, selbst wenn sie später gemacht wird, weniger zur Kenntnis genommen wird. Daraus ergibt sich ein weiterhin eingeschränkter Gebrauch der ukrainischen Sprache, der sich auch auf das Übersetzen auswirkt. Viele, vor allem jüngere Übersetzer haben den Eindruck, dass sich bestimmte Dinge auf Ukrainisch gar nicht ausdrücken lassen, was damit zusammenhängt, dass sie sehr viel mehr auf Russisch lesen als auf Ukrainisch. Da die meisten Ukrainer Russisch können und die Bücher auf Russisch eher vorliegen, sehen die Verleger oft keine Notwendigkeit, Bücher aus dem Englischen oder Deutschen ins Ukrainische übersetzen zu lassen, weil der Markt dafür zu klein ist. Das führt zum Beispiel dazu, dass philosophische Werke, die ins Russische fast ausnahmslos übersetzt sind, nicht ins Ukrainische übersetzt werden. Damit kann sich die Fachsprache der Philosophie nicht herausbilden, und es gibt keine ausdifferenzierten Diskurse.

 

Nachwuchsübersetzer

Seit etlichen Jahren gibt es von verschiedenen Institutionen, so etwa vom Goethe-Institut, aber auch vom Literarischen Colloquium Berlin und der Robert Bosch Stiftung die Bemühung, Nachwuchsübersetzer im Bereich der Literatur systematisch zu fördern. Darin ist auch die Förderung der Übersetzer ins Ukrainische inbegriffen. Diese Förderung leistet einen wichtigen Beitrag zur Kompetenzerweiterung für Nachwuchsübersetzer, denn in den philologischen Studiengängen an ukrainischen Hochschulen – wie auch an deutschen Universitäten – wird das literarische Übersetzen nur episodisch behandelt und nicht systematisch gelehrt. Trotz dieser Förderung ist die Situation für die angehenden Übersetzer, die in der Ukraine tätig sein wollen, häufig noch stärker einschränkend als für die bereits etablierten Übersetzer. Durch das Fehlen von Zeitschriften und einer Übersetzungskritik können die Nachwuchsübersetzer kaum an ihren Tätigkeitsbereich herangeführt werden und durch konstruktive Kritik ihre Arbeit verbessern. Für viele begabte Philologen ist es nicht attraktiv, sich als literarische Übersetzer zu betätigen, da die Tätigkeit keine ausreichende Bezahlung erfährt, es schwer ist, eigene Übersetzungsvorschläge in Verlagen zu platzieren und die Herausgabe von übersetzten Büchern sich oft jahrelang verzögert.

Ein weiterer Aspekt sind die Nachwuchsübersetzer ins Ukrainische, die mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Migrationshintergrund in Deutschland leben. Viele von ihnen sprechen Ukrainisch weiterhin als Muttersprache, haben aber ihre Bildungskarriere zumeist vollständig in Deutschland absolviert. Wenn sie beginnen, sich dem Übersetzen deutschsprachiger Gegenwartsliteratur ins Ukrainische zu widmen, fällt oft der fehlende Bezug zu den literarischen und kulturellen Entwicklungen in der Ukraine auf. Zwar beherrschen sie – mehr oder weniger gut – ihre Muttersprache, können aber ihre Übersetzungen nicht in den literarischen Kontext der Ukraine einbinden, weil sie keinen Bezug dazu haben. Hier lassen sich starke transkulturelle Verschiebungen beobachten, die dazu führen, dass man nicht mehr von einer direkten Verankerung in einer Muttersprache und einer Kultur sprechen kann. Die transkulturellen Übersetzer verfügen über heterogene Kompetenzen, die als Ausgangspunkt in der Förderung von Nachwuchsübersetzern bislang noch kaum Beachtung gefunden haben. In der Zukunft wird es darauf ankommen, diese transkulturellen Verschiebungen stärker zu berücksichtigen und nach Möglichkeiten zu suchen, die Chancen, die sich daraus ergeben, für das Übersetzen zu nutzen.

 

Zusammenfassung

Gegenwärtig ist das literarische Übersetzen in der Ukraine geprägt von der parallelen Arbeit zweier Übersetzergenerationen. Die ältere Übersetzergeneration arbeitet in ihren Übersetzungen streng nach den Regeln der ukrainischen Normsprache des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und sieht ihre Aufgabe nicht in der Erweiterung der Sprache durch neue stilistische Einflüsse. Die jüngere Übersetzergeneration versucht durch die Übersetzung von Gegenwartsliteratur die ukrainische Sprache zu erweitern und produktiver zu machen, was angesichts der jahrelangen Hegemonie des Russischen, die sich in vielen Sprachverwendungsbereichen bis heute fortsetzt, als sehr schwierig gestaltet. Behindert werden diese Bestrebungen insbesondere von der umfassenden Mediendominanz des Russischen, zu der auch die Verbreitung russischer Übersetzungen gehört. Diese Sprach-, Rezeptions- und Diskurskonkurrenz führt dazu, dass weiterhin für bestimmte Sprachbereiche eine große Unsicherheit im Gebrauch des Ukrainischen herrscht.