Deutsche Klassiker sind in der Ukraine keine Unbekannten. Die Popularität deutscher Sprache und Kultur bringt es mit sich, dass auch die deutsche (und deutschsprachige) Literatur weit rezipiert werden. Goethe, Brecht, Mann sind einem breiten ukrainischen Publikum zugänglich. Doch über diese Klassiker hinaus gab und gibt es einen großen Bedarf, aktuelle Veröffentlichungen aus dem deutschsprachigen Raum einem interessierten ukrainischen Publikum zugänglich zu machen, ohne dass man ein Germanistikstudium hinter sich haben oder auf eine russische Übersetzung zurückgreifen müsste.

 

Deshalb entschied sich das Auswärtige Amt zusammen mit dem Goethe-Institut und der Internationalen Renaissance-Foundation 2004, ein „Sonderprogramm Übersetzungsförderung“ ins Leben zu rufen. Die Überlegung war einfach: Ziel war es, wichtige Werke der aktuellen Belletristik, aus den Sozialwissenschaften, aber auch hochwertige Kinder- und Jugendliteratur ins Ukrainische zu übersetzen. Damit wollten wir den Markt für ukrainischsprachige Bücher stärken und einen Beitrag zur Förderung der ukrainischen Sprache leisten. Die ukrainische Leserschaft sollte durch hochwertige Titel mit aktuellen Tendenzen in der deutschsprachigen Literatur vertraut gemacht werden, und die sozialwissenschaftliche Forschung und Lehre an Instituten und Universitäten gestärkt werden. Auch war ein erklärtes Ziel, die rasch wachsende Zahl zivilgesellschaftlicher Initiativen mit einem intellektuellen Instrumentarium zu versorgen, das ihre Ansprüche auf bürgerschaftliches Engagement, politische Partizipation untermauern, und die Umbrüche in der ukrainischen Transformationsgesellschaft flankieren konnte.

 

In den ersten drei Jahren 2004 bis 2006 lag der Schwerpunkt ausschließlich auf der Unterstützung von Übersetzungen und Buchproduktionen. 2007 konnte das Programm nochmals um drei Jahre verlängert werden, mit neuer Schwerpunktsetzung. Denn die erste Phase hatte einige Schwachstellen offenbart, die zu berücksichtigen waren: Einige Bücher wurden trotz Unterstützung nicht veröffentlicht. Grund hierfür war der Mangel an ausreichend qualifizierten Übersetzern, die den ausgewählten anspruchsvollen Texten gewachsen waren. Und viele der Bücher, die ihren Übersetzer gefunden hatten und erschienen, verkauften sich nur schlecht. Dabei waren die Bücher doch gerade daraufhin ausgewählt worden, ein entsprechendes Breiten- oder Sachpublikum anzusprechen! Wieso also wurden sie in den Buchhandlungen nicht geradezu aus den Regalen gerissen?

 

Ein Hindernis stellte sicherlich die Dominanz russisschsprachiger Publikationen dar – oftmals schien man gar nicht auf die Idee zu kommen, Titel auf ukrainisch überhaupt nachzufragen und zu prüfen, ob es nicht eine ukrainische Übersetzung gebe. Bei einem Marktanteil von 25% für ukrainischsprachige Titel ist dies leider auch nachvollziehbar, nach wie vor haben diese Publikationen es schwer.

 

Häufig fanden die Bücher aber auch gar nicht den Weg in die entsprechenden Buchhandlungen, da eine professionelle Vermarktungskette vom Verlag über die Buchhandlung zum Leser erst zaghaft im Entstehen begriffen war. Vielen Verlegern fehlte die Erfahrung, wie man ein Buch „an den Leser bringt“. Es gab in der Ukraine kein „Verzeichnis lieferbarer Bücher“, wie dies z.B. im deutschsprachigen Raum vorhanden ist und allen Buchhandlungen per Mausklick die schnelle und unkomplizierte Recherche nach Titeln, Autoren, etc. erlaubt. Auch fehlten als Kommunikationsmittel Literaturzeitschriften, Literaturbeilagen in Zeitungen, aber auch Internetplattformen, die sich mit dem ukrainischem Buchmarkt befassten und Neuerscheinungen popularisieren könnten.

 

Deshalb wurde ein wichtiger Aspekt der zweiten Förderphase 2007-2009, auch Projekte jenseits der konkreten Buchproduktion zu unterstützen. Hierzu zählten Fortbildungsmaßnahmen für Übersetzer, für Verleger, und die konkrete Unterstützung der Online-Plattform von „PROStory“. Durch den Kontakt mit deutschen Übersetzern und Verlegern in zahlreichen Seminaren konnte viel praktisches „Know-how“ gewonnen werden, was sich letztlich nicht nur für die Publikation der geförderten Übersetzungen aus dem Deutschen bewährt, sondern eine langfristige Investition in den ukrainischen Buchmarkt ist und wesentlich zu seiner Entwicklung und Professionalisierung beigetragen hat. Die Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2008 traf dabei aber natürlich auch den strukturell noch nicht sehr stark entwickelten ukrainischen Buchmarkt besonders empfindlich. Dies führte dazu, dass auch in der zweiten Projektphase begonnene Übersetzungsprojekte nicht abgeschlossen wurden bzw. publiziert werden konnten. Die wirtschaftliche Situation der Verlage war oft so dramatisch, dass es ums nackte Überleben ging und hochwertige Spezialliteratur trotz Förderung zu große Risiken für die Herausgeber barg.

 

Die Förderung von seiten Deutschlands belief sich auf jährlich 45.000 € über die sechs Jahre verteilt. Diese Mittel wurden ergänzt durch weitere jährliche 45.000 € der Renaissance-Foundation in den ersten vier Jahren, und etwas niedrigere Beiträge danach.

 

Die Verlage konnten selbst Bücher zur Förderung vorschlagen oder auch auf Vorschlagslisten zurückgreifen, die ihnen dabei helfen sollten, den großen deutschsprachigen Buchmarkt zu sichten. Zwei Mal jährlich traf sich ein Auswahlgremium, das sich aus ukrainischen und deutschen Fachleuten zusammensetzte und entschied, welche Projekte gefördert werden sollten und wie hoch die jeweilige Fördersumme sein konnte.

 

Alle Projektpartner waren auf eine enge und vertrauensvolle Arbeit untereinander und mit den Verlagen angewiesen. Denn die finanziellen Mittel flossen in kleinteilige, d.h. arbeitsintensive Projekte. Dennoch ließ sich nicht verhindern, dass einzelne Projekte nicht realisiert werden konnten – von den tragischen Fällen, bei denen die Übersetzer verstarben, über die Insolvenz von Verlagen bis hin zum spurlosen „Verschwinden“ mancher Herausgeber mussten die Bücher auf ihrem Weg vom deutschen in den ukrainischen Markt eng begleitet werden.

 

Die uns heute vorliegenden 100 Titel sind jedoch ein deutlicher Beleg für den Erfolg des Programms: So lässt sich jetzt Michael Endes "Jim Knopf und Lukas der Lokomitivführer" genauso auf Ukrainisch finden wie Thomas Manns"Zauberberg" oder Jürgen Habermas’ "Nachmetaphysisches Denken".

 

2009 lief das Sonderprogramm Übersetzungsförderung aus, die finanzielle Unterstützung von deutscher Seite und der Renaissance-Foundation endete und neue Projekte wurden nicht mehr begonnen. Damit endete jedoch bei weitem noch nicht die Arbeit des Projektes, da immer noch Übersetzungen in Arbeit sind. Fortbildungs- und Netzwerkseminare für Verleger und Übersetzer finden weiterhin statt - auch wenn sie aus anderen Mitteln finanziert werden.

 

Dass in den Jahren seit 2004 eine Vielzahl von deutschsprachigen Büchern auf Ukrainisch erscheinen konnte, ist neben der finanziellen Unterstützung durch die Institutionen des Auswärtigen Amts, des Goethe-Instituts und der Renaissance-Foundation vor allem dem Einsatz von Individuen zu verdanken: Besonders erwähnen möchten wir hier das Engagement von Iryna Kuchma der Renaissance-Foundation als „Frau der ersten Stunde“, die dann in Taras Lyuti einen nicht minder aktiven und umsichtigen Nachfolger fand. Ohne ihre profunde Sachkenntnis und kompetente Begleitung könnten wir heute nicht die Publikation von „100 deutschen Büchern“ feiern.

 

In der vorliegenden Broschüre finden Sie eine Liste der Titel, die bereits erschienen sind – ebenso eine Liste der Titel, die sich noch auf dem Weg dahin befinden. Wir sind guter Hoffnung, dass sie bald auch der ukrainischen Leserschaft zur Verfügung stehen werden. Ständig aktualisiert werden zudem die Informationen auf der Homepage von„100 deutsche Bücher“ (http://100buch.in.ua/)

Das Sonderprogramm Übersetzungsförderung hat sich bewährt und eine Vielzahl von Titeln einem Publikum zugänglich gemacht, die des Deutschen nicht oder nicht ausreichend mächtig sind. Es hat Übersetzer und Verleger in ihrer Arbeit unterstützt und durch Fortbildungsmaßnahmen dazu beigetragen, den Büchermarkt in der Ukraine nachhaltig zu stärken. Aber wie es bei „Sonderprogrammen“ nun mal ist – sie sind befristet und laufen irgendwann aus. Wir hoffen aber, dass das Interesse an hochwertiger deutschsprachiger Literatur zwischen den Karpaten und der Krim nicht versiegt und die ukrainischen Verlage auch ohne Fördermittel schon an den nächsten 100 deutschen Büchern arbeiten. Mit jährlich über 90.000 Neuerscheinungen bietet der deutsche Buchmarkt Anregungen genug...

 

 

Regina Anhut-Frahm

Leiterin Information und Bibliothek, Goethe Institut Ukraine

 

Harald Herrmann
Leiter des Referats für Kultur, Bildung und Minderheiten,
Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Ukraine